Auf ein Wort

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Gedanken für die Woche:  Highline 179

Bild von Pfr. Dr. Hansjörg Schemann

Es versprach ein schöner Urlaubstag zu werden. Auf dem Programm stand ein Ziel, nur etwa eine Autostunde von unserem Urlaubsdomizil im Allgäu entfernt.

Meine Frau hatte die sogenannte „Highline 179“ ausgemacht, die längste Fußgängerhängebrücke der Welt. Im Hinterland von Reutte verbindet sie die Burgruine Ehrenberg mit dem Fort Claudia, einem der bedeutendsten Festungsensembles Mitteleuropas.

Doch nachdem wir unser Auto auf dem Parkplatz abgestellt hatten und uns auf dem steilen Fußweg zu dem gigantischen Touristenmagnet befanden, beschlich mich ein mulmiges Gefühl. Und dieses Gefühl hatte einen Namen: Höhenangst. Schon von unten betrachtet bekam ich größten Respekt vor der 406 Meter langen und 114 hohen frei schwebenden Brücke. Wie ein Seil hing sie zwischen zwei Bergmassiven. Die Menschen darauf erschienen mir wie kleine Streichhölzer, die sich kaum bewegten.

Dann standen wir vor dem Eingang. Die Eintrittskarten wurden gelöst, das Drehkreuz durchschritten. Dann tat sich vor mir der Abgrund auf, darüber hängend die stählerne mit 8 Felsankern befestigte Brückenkonstruktion. Was meiner Frau größtes Vergnügen bereitete, wurde für mich zu einer unerwarteten Mutprobe. Mit einer Hand umklammerte ich ängstlich den Handlauf, während ich über den durchsichtigen Gitterrost zögernd einen Schritt vor den nächsten setzte. Und dann kam die Entdeckung: Ermutigt durch das Zureden meiner Frau und mit dem Blick konzentriert auf das andere Ende der Brücke, überwand ich den Angstpunkt.

Nein, zu Freudensprüngen hat es ehrlicherweise nicht gereicht, aber doch zu dem einen oder anderen Foto und vorsichtigen Blick in die Tiefe. Und: Am Ende das großartige Gefühl, den Angstpunkt überwunden zu haben.

Vielleicht haben Sie schon einmal Ähnliches erlebt. Für mich jedenfalls wurde der Gang über die Highline 179 zu einem Gleichnis: Gutes Zureden, geduldiges Mitgehen eines lieben Menschen und der Blick auf das Ziel am Endes eines schweren Weges, können helfen, angstvolle Situationen im Leben zu überstehen. Angst gehört einfach zu unserem Leben, auch wenn es nicht bei jedem die Höhenangst ist. Für jeden hat der Angstpunkt einen anderen Namen. Darum sind für mich biblische Worte hilfreich, die die Angst nicht ausblenden. Dazu gehört auch das Wort Jesu aus Johannesevangelium Kapitel 16, Vers 33:

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Aus diesem Glauben heraus konnte auch die frühere Ratsvorsitzenden der EKD (Evang. Kirche in Deutschland)  Margot Kässmann in einer der größten Krisen ihres Lebens 2010 bei ihrem Rücktritt sagen: „Ich kann nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand.“

Mögen uns dieser Glaube immer wieder geschenkt werden.

Ihr Pfarrer Hansjörg Schemann, Christuskirche Aschaffenburg